Phänomenaal - Geschichten über den Aal

Uraalt

Aale schlängelten schon über den Meeresgrund, lange bevor die ersten pelzigen Vorfahren des Menschen auf die Bäume stiegen und dann wieder herunter. Die Aale gehören zu den ursprünglichsten Knochenfischen überhaupt. Die ersten aalartigen Fische (Anguilliformes) entwickelten sich nach heutiger Kenntnis vor über 100 Millionen Jahren. Man nennt diesen Abschnitt der Erdgeschichte Kreidezeit. Es war die Blütezeit der Dinosaurier.

2009 entdeckten Meeresforscher in einer Unterwasserhöhle vor der Pazifikinsel Palau eine Aalart, die auf faszinierende Weise ursprüngliche Merkmale aufweist, die man für längst ausgestorben hielt. Protanguilla palau gilt deshalb als lebendes Fossil vergleichbar mit dem Quastenflosser. Beim Beobachten seiner magisch anmutenden Bewegungen auf dem Meeresgrund reist man gedanklich weit zurück in der Geschichte der Fische. 

 

 

 

 

 

Die Riesenechsen starben vor 65 Millionen Jahren aus, die Aale überlebten den katastrophalen Meteoriteneinschlag. Der Bauplan und die Lebensweise der Aale erwiesen sich als so erfolgreich, dass sie bis heute in fast allen Gewässerlebensräumen der Erde vorkommen. Die Fischbiologen unterscheiden aktuell 15 Familien mit rund 800 Arten. Das Spektrum der Formen reicht von wurmlangen Riffbewohnern, die Planktontierchen aus der Strömung pflücken, bis zu mächtigen Raubfischen, den Congern und Muränen, von denen einige mehr als drei Meter lang werden.

 

Video

https://www.youtube.com/watch?v=aOXiDjYOPgA

 

Mehr Information

https://de.wikipedia.org/wiki/Protanguilla_palau

 

Die Originalquelle in den Proceedings of the Royal Society

rspb.royalsocietypublishing.org/content/early/2011/08/16/rspb.2011.1289

Aalglatt

Der Aal gilt in vielen Sprachen als der Inbegriff von Glattheit. Er ist im Wortsinn unfassbar durch seine schlüpfrige Haut und die kraftvollen Bewegungen seines schlangenartigen Körpers. Das hat allerdings nichts mit einer niederträchtigen Gesinnung zu tun, es ist vielmehr eine konsequente Anpassung an ein Leben am Gewässergrund. Die lederartige Haut und die dicke Schleimschicht verringern das Verletzungsrisiko zwischen schroffen Felsen und scharfkantigen Muscheln oder über rauem Kies. Das charakteristische Schlängeln ist die ideale Fortbewegung als Jäger, der seine Beute selbst im hintersten Winkel eines reich strukturierten Lebensraums aufspüren kann.

Die dazu nötige Beweglichkeit ist möglich dank über hundert Wirbeln und eine stark ausgeprägte Muskulatur. Die gewaltige Kraft des Aals und sein geradezu artistisches Talent sind wunderbarer Stoff für Anglerlatein. Bezogen auf sein Gewicht ist der Aal einer der stärksten Fische überhaupt.

Von Schweinekost bis Superfood

Wer sich über den Tellerrand seiner Heimat hinaus mit Kulinarik beschäftigt, ist immer wieder überrascht, wie stark sich die Geschmäcker der Menschen unterscheiden. Der Aal ist auch in dieser Beziehung ein extremes Beispiel. In der Schweiz ist Aal als Speisefisch kaum verkäuflich und landete früher sogar im Schweinetrog, während er bei unsern Nachbarn in Deutschland, Frankreich und Italien hoch begehrt ist und in vielen Regionen als wichtige Spezialität gilt. Klassische Beispiele dafür sind Räucheraal und Hamburger Aalsuppe, die matelote im ländlichen Frankreich oder bisato in umido in Norditalien.

In China, Südkorea und vor allem in Japan gilt Aal als exquisite Delikatesse. Mit rund hunderttausend Tonnen Verbrauch pro Jahr ist Japan zur Zeit der wichtigste Markt für Aal weltweit. In Tokio und anderen japanischen Grossstädten gibt es spezialisierte Restaurants, die nur unagi servieren. Traditionsreiche Gerichte sind  grillierter Aal kabayaki und gegarter Aal auf Reis unadon. Vor allem für unakyu, Sushi mit mariniertem, gegartem Aal, werden Luxus-Preise gezahlt.

 

 

In Japan und in Korea schreibt man dem Aalfleisch vorteilhafte Eigenschaften für die Gesundheit zu. Aal gilt dort als Superfood. Traditionell isst man dort Aal im Hochsommer, um fit zu sein in der kalten Jahreshälfte.

Der immense Appetit auf Aal in Asien übersteigt schon seit Jahrzehnten die natürlichen Ressourcen des Japanischen Aals (Anguilla japonica) und hat zu massiv steigenden Importen von europäischen Aalen geführt. Sie werden als Glas- oder Jungaale nach China und Taiwan exportiert, wo sie in Aalfarmen zu teuren Speisefischen gemästet werden. Dieser Handelsweg ist offiziell durch strikte Schutzmassnahmen unterbunden. Dieses Verbot wird zur Zeit unterlaufen durch einen kriminellen Schwarzmarkt mit verführerisch hohen Gewinnen.

 

Geniaaler Geruchssinn

Für uns Menschen ist die Welt der Gerüche so fremdartig und unscharf wie ein HD-Video für einen Aal. Der Geruchsinn des Aals gehört zu den leistungsfähigsten im gesamten Tierreich. Von allen untersuchten Fischen zeigten Amerikanische Aale (Anguilla rostrata) die höchste Empfindlichkeit für Aminosäuren, die als wichtige biologische Signale für Beute und Fressfeinde gelten. Sie reagierten im Labor schon auf die unfassbar schwache Konzentration von einem Milliardstel Mol pro Liter. Dies sind umgerechnet 600 Billionen Moleküle pro Liter und entspricht einem Geruchsinn, der ungefähr 200 Mal empfindlicher ist, als der eines Hundes.

 

 

 

 

 

Diese Extremleistung beginnt mit der Konstruktion der Nase, die im Gegensatz zu Säugetieren vier Öffnungen hat. Kurz oberhalb der Schnauze leiten zwei Hautröhren schon bei geringer Schwimmgeschwindigkeit das Wasser in den Nasenkanal. Dort warten tausende hochsensibler Sensoren auf interessante Moleküle, die sie blitzschnell zuordnen. Danach tritt das untersuchte Wasser durch die weiter hinten angeordneten, unscheinbaren Nasenöffnungen wieder aus.

Wenn es ums Fressen geht, heissen die interessanten Kategorien fressbar, giftig oder gefährlich. In die letzte Gruppe von chemischen Signalen fallen die Duftspuren von Raubfischen oder schädlichen Verunreinigungen, die den Aal vor Risiken warnen.

Der extrem feine Geruchsinn des Aals ist zudem in der Lage die charakteristische Duftsignatur von Bächen, Flüssen und Seen zu erkennen. Noch ist nicht klar, wie genau die jungen Aale diese Information auf ihrer Wanderung nutzen. Im Gegensatz zu Wanderfischen wie dem Lachs scheinen sie nicht ein spezifisches Heimatgewässer anzusteuern.

Aalglaube

Das Verhalten des Aals und sein beunruhigendes, schlangenähnliches Äusseres haben viele Legenden und Märchen inspiriert. Der extreme Wanderwille des Aals und seine aussergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten sind für uns nur schwer einzuordnen. Ein Fisch ausserhalb des Wassers, das regt die Fantasie an! Junge Aale klettern extrem geschickt und überwinden so Hindernisse von der Grössenordnung des Rheinfalls – solange die Umgebungsfeuchtigkeit hoch genug ist. Dabei hilft ihnen ihre stark durchblutete Haut, mit der sie Sauerstoff aus der Luft aufnehmen können.

Auch ausgewachsene, fortpflanzungswillige Aale verlassen auf der Suche nach einem Gewässer mit Meeranschuss oft ihr Element und schlängeln sich über Festland, um ein Gewässer mit Meeresanschluss zu erreichen, solange es ausreichend feucht ist.

Auf dieser Eigenart beruhen diverse Legenden über Aale: Populär ist beispielsweise der Aal im Erbsenfeld. Natürlich fressen Aale keine Erbsen, aber es ist durchaus auch denkbar, dass Aale in Regennächten an Land gehen, um Schnecken und Würmer zu jagen – und dabei auf dem Acker beobachtet werden...

Kein Aberglaube ist die Beobachtung,  dass Aalblut giftig ist! Eiweisse im Serum des Aals führen beim Menschen zu ernsthaften Entzündungsreaktionen. Insbesondere bei Kontakt mit Schleimhäuten reagiert unser Körper heftig. Beim Erhitzen werden die Giftproteine rasch zerstört.

Wandernde Glaasaale

https://www.youtube.com/watch?v=MccYx2Nu2bo

https://www.youtube.com/watch?v=9pfEkiFsqhk

 

Wandernde Aale in einem neuseeländischen Bach

https://www.youtube.com/watch?v=tGUREfR80CE

New Zealand Eel hunting outside the water

Bei diesen etwas unheimlichen Bildern erscheint die Vorstellung von Aalen, die an Land jagen, gar nicht so abwegig.

https://www.youtube.com/watch?v=OolS1BIt_gU

 

 

Der Aal als Wappentier

Eine Kreatur, die sich derart pittoresk durchs Leben schlängelt wie der Aal, ist ein dankbares Motiv für Wappen und Schilde.

Die Darstellung widerspiegelt vor allem die grosse wirtschaftliche Bedeutung, die für manche Orte eine Existenzgrundlage war.

 

 

 

Oft wird der Aal auch als Beute im Schnabel eines Vogels dargestellt – soviel nahrhaftes, fettes Fleisch in einer so schnabelfreundlichen Form ist eine ausserordentlich attraktive Kombination.

 

 

 

Ein gefährliches Leben

Wenn man sich näher mit den abenteuerlichen Wanderungen des Aals beschäftigt,

taucht irgendwann die Frage auf: Wie können die gnadenlos effizienten Mechanismen der Evolution zu einem derart aufwändigen und anstrengenden Lebenszyklus führen? Die Antwort ist einfach, auch wenn sie unseren zwangsläufig engen, menschlichen Horizont übersteigt: Weil es sich trotz allem lohnt!

Das Erfolgsrezept der räumlich getrennten Lebensphasen ist die optimale Nutzung von Ressourcen und das Verringern von Risiken. Das ist seit Jahrmillionen eine lohnende Strategie, doch sie entwickelt sich zum Risiko, sobald einer der benötigten Lebensräume knapp oder die Mobilität behindert wird. Beides geschieht in der Schweiz seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Seither sind die meisten Wanderfische bei uns ausgestorben und der Aal steht auf der Roten Liste.

Die Schweiz ist leider ein lehrreiches Beispiel, wie Wanderfische auf menschgemachte Veränderungen reagieren. Bevor Rhein, Rhone und Ticino von Wasserkraftwerken und ihren Wehren verbarrikadiert wurden, erreichten Millionen von Wanderfischen unser Land und bereicherten den Speisezettel: Lachse, Meerforellen, Maifische, Neunaugen, Störe und Aale. Heute blockieren Dutzende von Kraftwerkswehren die grosse Hochzeitsreise vom Meer in die Alpen. Das ist nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein wirtschaftlicher und kultureller Verlust für die Schweiz!

Der Aal ist der vitalste und hartnäckigste aller Wanderfische, und einige tausend Exemplare erreichen die Schweiz trotz diverser Hindernisse bis heute. Es besteht deshalb immerhin die berechtigte Hoffnung, dass sich die Bestände wieder erholen, sobald die Wanderwege des Aal wieder durchgängiger werden.

 

 

 

 

Aalmode

Nein, es geht hier nicht um Aale als glitschiges Fetisch-Accessoire für extreme Modeschauen {wobei es auch das gibt...). Eine überraschende Verwendung des Aals ist Aalleder oder Eel Skin, wie es in der Modebranche heisst.

Wer schon einmal einen Aal gehäutet hat, weiss, dass das ein zähes Geschäft ist. Die dicke Aalhaut erinnert tatsächlich an Leder. Sie kann in einem relativ aufwändigen Prozess zu einem aussergewöhnlich feinen und elastischen Leder gegerbt werden, das sich «luxuriös» anfühlt, wie es ein Skin Shop schwärmerisch anpreist.

 

Aalleder wird in der Regel angeboten als Eel Skin Hide von 60 x 150 cm Fläche, die aus mehreren Dutzend fein zusammengenähten Aalhäuten besteht.

Daraus entsteht eine unerwartete Vielfalt von Modeprodukten, wie schon eine kurze Recherche zeigt: Von Portemonnaies, Gürteln, Handy- & Lap-Top-Hüllen über Schuhen bis hin zu Hosen und Mänteln.

 

 

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